In meinem ersten Artikel habe ich euch von Bornholms ambitioniertem Ziel erzählt: Bis 2032 will die Insel abfallfrei werden. Eine beeindruckende Vision.
Doch natürlich kamen auch Fragen auf, sowohl in mir als auch in einigen von Euch, die diese an mich weiterleiteten.
Daher verabredete ich mich mit dem BOFA-Kommunikationschef Brian Johansen vor Ort in Rønne. Ich kam etwas früher an, um mit den Recyclinghof bzw. die Müllentsorgung in Rønne anzuschauen. Und mir fiel sofort auf, dass hier ein großer Fokus auf dem „Genbrug“, also der Wiederverwendung von Waren liegt. Viele Dinge wie Stühle, Tische, Gartenmöbel etc. stehen dort wie auf einem Flohmarkt und man kann kommen und die umsonst mitnehmen,. Die Auswahl war viel größer als in meinem nächsten Ort Nexø.

Der Platz ist gut durchdacht, perfekt ausgeschildert. Mitarbeiter*innen helfen beim Sortieren, wenn man mal nicht genau weiß, wohin mit dem „Kram“ ;-).




Brian begrüßte mich in seinem Büro mit dieser Freundlichkeit und positiven Energie, die ich hier so mag.
Und er strahlte aus, dass er zwar viel zu tun hat, aber sich gerne die Zeit für mich nimmt. Wir quatschen alles rauf und runter und mein Kopf gab sich Mühe, das komplexe Thema der Abfallwirtschaft zu verstehen.
Brian zeigte mir die Verbrennungsanlage und erklärte mir detailliert die Methoden mit denen die Abgase gefiltert werden. Und wir besichtigen den „Abfallturm“, in dem vor allem Schulklassen und Kindergärten spielertisch vermittelt wird, dass Abfall eine Ressource ist und wie wir am besten damit umgehen sollten.





Am Ende unseres Gesprächs stellt er mir noch seine Kollegin Britta vor, die aus Deutschland kommt, schon seit ihrem 19 Lebensjahr in Dänemark lebt und seit zwei Jahren fürdie BOFA in einem Projekt arbeitet, nämlich der 120 MiljØstationen, die es auf der Insel gibt. Auf meine Frage, warum man gewählt hat, dass die Touristen ihren Müll selber zu den Müllstationen bringen sollen, hat sie eine gute Erklärung: In erster Linie ist es Naturschutz, denn die schweren Mülllaster, die ja nun mehrere Arten sortierten Abfalls abholen würden als vorher, würden ja bis in alle kleinen Straßen der Sommerhausgebiete fahren und dadurch viel „plattmachen“. Und sie erzählte, dass die Vereinigung der Sommerhauseigentümer selber den Vorschlag gemacht hat, die jetzige Lösung zu wählen. In anderen Regionen Dänemarks hatte man damit gute Erfahrung gemacht, zum Beispiel auf Rømø. Es hatte sich gezeigt, dass nach einer ersten Phase der Umgewöhnung sich alle Gäste in diese neue Regelung gut einfinden.
Auf meine Frage, warum denn in so vielen Sommerhäusern noch passende Behälter für die Mülltrennung fehlen, erklärt sie, dass man weiterhin daran arbeitet, mit den Vermietungsbüros dafür Lösungen zu finden. Man weiß um das Problem.
Da wir selber Vermieter sind, weiß ich, dass man mit dem Thema total alleingelassen war und ist. Aber ich finde es selbstverständlich, dass man da seiner Verantwortung gerecht wird. Aber anscheinend sieht das nicht jeder Eigentümer so und so wird es wohl einige Zeit brauchen, bis sich das einspielt. Ich war gerade an der dänischen Nordsee in einem Ferienhaus und da hatten wir auch die Situation, dass es schöne Mülltrennungstipps mit Bildchen am Kühlschrank gab, aber die Behälter dafür fehlten und es nur einen Restmülleimer gab.
Ist also nicht nur ein Bornholm-Thema, sondern sie Gleichgültigkeit vieler Menschen.
Ein anderes wichtiges Anliegen meines BOFA-Besuchs, war die Frage, was denn nun mit dem getrennten Müll passiert.
Ich nehme folgende Informationen mit, die die BOFA auch auf ihrer Website transparent aufgelistet hat (auch auf deutsch!):
Papier und Pappe
Wird in Vestermarie gepresst und über einen Abfallmakler verkauft, typischerweise an Recyclingunternehmen in Skjern oder Schweden, wo es zu neuem Papier und Pappe verarbeitet wird.
Glas
Geht an das Recyclingunternehmen Reiling in Næstved, wird dort verarbeitet und an Holmegaard weiterverkauft, die daraus neue Glasprodukte herstellen – zwei Millionen Glaseinheiten pro Tag.
Plastik
Wird zu großen Ballen gepresst und an ein Unternehmen in Vojens (Jütland) verkauft, wo es sortiert wird. Ein Teil wird recycelt, ein anderer Teil wird verbrannt. Der Anteil des recycelten Plastiks steigt, da Hersteller bessere, recycelbare Produkte entwickeln und die Sortiertechnologie sich verbessert. Derzeit kostet es die BOFA ca 3000 DKK um 1 Tonne Plastik weiterzusenden. Dies wird sich mit der neuen Verordnung der Produzenten-Verantwortlichkeit ändern.
PS: Das Recyceln von Plastik ist ein sehr komplexes Thema, denn Plastik ist nicht gleich Plastik. Ein gutes Beispiel ist eine Sprühflasche für Reinigungsmittel wie Glasreiniger, denn diese Flasche enthält mehrere Sorten Plastik und kann nicht in einem Stück recycelt werden, sondern muss dafür in Einzelteile auseinander gebaut werden.
Getränkekartons
Werden zusammen mit Plastik nach Vojens geschickt, dort sortiert und – soweit möglich – recycelt. Auch ein schwieriges Thema wegen Beschichtung ….
Essensabfälle (madaffald)
Wird zu Gemidan in Ølstykke (Seeland) transportiert, wo es durch einen speziellen Prozess zu Biogas umgewandelt wird. Die Plastiktüten (und anderer Plastikabfall, der fälschlicherweise hier reingeworfen wird) werden vorher aussortiert!!! Das ist sehr wichtig und viele von Euch haben das bezweifelt. !!! Es wird ausdrücklich gewünscht, dass der Bioabfall in robuste Plastiktüten gefüllt wird, da die Bioplastiktüten, die wir in Deutschland verwenden, durch Auflösung zu viele Rückstände in der Masse bilden !!!
Die Masse wird zu Biogas und Dünger für die Landwirtschaft verarbeitet.
Man hat sich dagegen entschieden, dass die Lebensmittelreste lose in die Müllbehälter geworden werden sollten, da es sich eben nicht um Biomüll handelt, sondern Essenreste, u.a. auch Fleisch etc. was Ratten etc. anziehen.
Textilien
BOFA arbeitet mit einem Partner zusammen, der Textilien sortiert und zur Wiederverwendung oder zum Recycling weiterleitet. Synthetische Materialien wie Nylon werden jedoch verbrannt. BOFA empfiehlt, gut erhaltene Textilien unbedingt direkt an Secondhand-Läden zu geben!
Kleinelektronik
Wird von der Firma Elretur aus Taastrup abgeholt, die sicherstellt, dass die ausgedienten Produkte entweder wiederverwendet oder als Materialien recycelt werden.
Gefährlicher Abfall
Wird von Stena, einem großen schwedischen Unternehmen, das auf Recycling und Abfallmanagement spezialisiert ist, abgeholt und behandelt.
Das klingt zunächst sehr gut organisiert. BOFA zeigt Transparenz und benennt konkrete Unternehmen.
Doch so war es bis zum 1. Oktober 2025
ABER ab dem 1.10.2025 ist durch die Produzenten-Verantwortung eben VIELES anders!!!
Ab 01.Oktober 2025 tritt nun auch die EU-Verordnung über die Verantwortung der Produzenten für ihre Verpackungen in Dänemark in Kraft tritt. Diese Verordnung macht die Unternehmen für das Inverkehrbringen von Verpackungen verantwortlichen verpflichtet sie, die Kosten und die Organisation der Sammlung, Sortierung und Behandlung von Verpackungsabfällen zu übernehmen. Dies betrifft alle Unternehmen, die Produkte verpacken oder importieren und die Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus ihrer Verpackungen von der Produktion bis zur Entsorgung tragen. Das Ziel ist, die Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen und die Umweltbelastung durch Verpackungen zu reduzieren, indem sie für die Kosten der Abfallentsorgung und des Recyclings aufkommen.
Das heisst konkret, dass seit dem 1. Oktober 2025 die Verantwortung für Verpackungsabfälle aus Haushalten auf die Hersteller übergeht, aber die Kommunen – wie Bornholm – kümmern sich weiterhin um die Einsammlung bei den Haushalten und erheben eine jährliche Herstellergebühr, um die Kosten für die Sammlung und Weiterbehandlung zu decken.
Gleichzeitig ändert sich die Verteilung der Gebühren: Die Gebühr für die tägliche Müllabfuhr sinkt für den Bürger (um derzeit 9%), da diese nur noch die Sammlung von Restmüll, Lebensmittelabfall und Papier und Pappe durch die BOFA abdeckt, während die Produzentenabgabe die Kosten für die Entsorgung von Einwegplastik, Glas, Metall, Elektronik, Textilien, Batterien, Fischereiabfall und Einwegverpackungen generell übernehmen soll.
WIE DAS GENAU vor sich geht und wohin der Abfall dann geht, ist zum heutigen Tag noch nicht zu erfahren. Wundert mich SEHR, aber was soll´s … : ALLE Abfallarten sollen wohl künftig im Recyclingzentrum in Vestermarie behandelt werden, wo der Abfall komprimiert und weiter transportiert wird.
Diese noch offenen Fragen sind nicht gerade zufriedenstellend, denn es ist ja allgemein bekannt, dass Abfall ein weltweit großes Geschäft ist, das nicht immer mit legalen und umweltfreundlichen Mitteln betrieben wird.
Und die entscheidende Frage: Wer kontrolliert, was ab Vestermarie auf Bornholm dann mit dem Plastik und Co passiert? Wen interessiert es überhaupt? Die BOFA hat den Abfall ordnungsgemäß eingesammelt und hat zum einen ihren Job gemacht. Aber wenn eine ganze Insel sich im Jahr 2019 der Vision verschrieben hat, dass Bornholm abfallfrei wird, was ist das für ein „grünes“ Ziel, wenn man sich dann nicht dafür interessiert, welche Zukunft der eingesammelte Abfall hat, wenn man ihn dann doch laut Aussage der BOFA und der Politiker als wertvolle Ressource betrachtet?
Bei meinen früheren Recherchen für mein Projekt „Bye Bye Plastik“ bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass Abfall nur weitertransportiert wird – von Deutschland zu anderen Orten, und am Ende landet er oft über Subunternehmer illegal in Flüssen oder wird verbrannt (mit giftigen, ungefilterten Abgasen!).
Eine wichtige Frage, die für alle gilt: In wie weit kann und soll eine Insel mit einem lokalen Abfallunternehmen wie die BOFA die „Lieferkette“ des Mülls kontrollieren und wo liegt welche Verantwortung?
Diese Aufklärung ist meiner Meinung nach entscheidend. Denn wenn wir den Müll nur verlagern statt ihn wirklich in neue Ressourcen zu verwandeln, ist das neue System nur ein teures Gewissen-Beruhigungsprogramm. Und das meine ich global!
Der grüne Punkt
Im Gespräch mit Brian erwähne ich den „Grünen Punkt“, mit dem wir alle seit über 30 Jahren in Deutschland zum Mülltrennen erzogen wurden. Deutschland gilt als Recycling-Weltmeister mit seiner berühmten Mülltrennung. Aber die Realität sieht oft anders aus: Hohe Recyclingquoten auf dem Papier, aber viel davon wird exportiert oder thermisch „verwertet“ (sprich: verbrannt).
Kurz erklärt: Der Grüne Punkt wurde 1990/91 in Deutschland eingeführt als Symbol des sogenannten „Dualen Systems“. Die Idee war revolutionär: Hersteller sollten für die Entsorgung ihrer Verpackungen mitverantwortlich sein. Wer den Grünen Punkt auf seine Verpackung druckte, zahlte eine Lizenzgebühr – und das System kümmerte sich um Sammlung und Recycling.
Was der Grüne Punkt suggerieren sollte: „Diese Verpackung wird ordentlich recycelt. Du kannst mit gutem Gewissen kaufen.“
Was er tatsächlich bedeutet: „Der Hersteller hat eine Gebühr bezahlt, damit jemand anderes sich um die Entsorgung kümmert.“
Das Symbol suggeriert Umweltfreundlichkeit, ist aber nur ein Zahlungsnachweis. Es sagt nichts aus über:
- Ob die Verpackung wirklich recycelbar ist
- Ob sie tatsächlich recycelt wird
- Wohin der Müll geht
- Wie hochwertig das Recycling ist
Eine schwarze Plastikschale mit verklebten verschiedenen Materialien kann den Grünen Punkt tragen – obwohl sie praktisch nicht recycelbar ist. Hauptsache, die Gebühr wurde bezahlt.
Das System ist besser als gar keine Regelung, aber es verschleiert die eigentlichen Probleme: Zu viel Verpackung, schlecht recycelbare Materialien, Export von Müll und thermische „Verwertung“ (= Verbrennung) statt echtem Recycling.
Kreislaufwirtschaft als Wunschdenken und Abfallvermeidung
Als ich von Bornholms Recycling-Vision hörte, stellte ich mir vor: Plastikflaschen werden auf der Insel gesammelt, hier zu neuen Produkten verarbeitet und wieder auf der Insel verkauft. Ein echter lokaler Kreislauf.
Eine echte Kreislaufwirtschaft würde bedeuten:
- Kompost aus Bornholms Bioabfall wird auf Bornholms Feldern verwendet
- Recyceltes Glas kommt als neue Flaschen in Bornholms Supermärkte zurück
- Textilien werden auf der Insel repariert und weiterverwendet
- Holz wird zu neuen Möbeln für Bornholmer Haushalte verarbeitet
Aber DASS es nie die Vision Bornholms gewesen ist, den Abfall auf der Insel zu recyceln und wiederzuverwerten, verstehe ich erst jetzt. Daher ist das Wichtigste: Abfall vermeiden!
Für mich war bei „Bye Bye Plastik“ immer klar: Das Beste ist, Abfall gar nicht erst entstehen zu lassen. Recycling ist gut, aber Vermeidung ist besser. Und genau hier liegt der Schlüssel zur gesamten Vision!
Wenn wir uns die Abfallhierarchie ansehen, steht Vermeidung ganz oben – nicht ohne Grund.

Denn jeder Müll, der gar nicht erst entsteht:
- Muss nicht gesammelt werden
- Muss nicht sortiert werden
- Muss nicht transportiert werden
- Muss nicht recycelt oder verbrannt werden
- Spart Energie, CO2 und Kosten
Die neue Mülltrennung ist aufwendig. Sie kostet Zeit, Geld und Energie. Aber wenn wir gleichzeitig nicht lernen, weniger zu konsumieren, weniger zu verpacken, bewusster einzukaufen – dann sortieren wir nur mehr Müll, produzieren aber nicht weniger.
Mein vorläufiges Fazit
Ich bleibe dabei: Bornholms Vision ist gut. Aber sie muss ehrlich bleiben.
Die richtigen Prioritäten sind:
- Abfall vermeiden – weniger konsumieren, bewusster einkaufen
- Wiederverwenden – Secondhand, Reparieren, Teilen (das klappt auf Bornholm schon gut!)
- Lokale Kreisläufe – Kompost für Bornholms Gärten, Biogas für Bornholms Energie
- Hochwertiges Recycling – nur wenn wirklich neue Rohstoffe ersetzt werden
- Transparenz – wir müssen wissen, wo unser Müll landet
Ich bin gespannt auf den weitern Weg Bornholms.
BOFA arbeitet an verschiedenen Projekten, um diese Vision Realität werden zu lassen: von der Kartierung zukünftiger Lager- und Sortierräume über Machbarkeitsstudien für ein Aktivitätszentrum bis hin zu Kooperationen mit Partnern, die Bornholm als Plattform für Innovation nutzen.
Es gibt noch viel zu tun. Denn auch alle Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden. Gerade gestern haben ich auf der Fähre gesehen, dass der Müll nicht getrennt wird! Unglaublich! Und die Mitarbeiter*innen hatten auch keine wirkliche Antwort darauf.
Die BOFA hat gerade die ersten Zahlen herausgebracht und man ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis: Ein Jahr nach dem Start des neuen Abfallsystems ist die Menge des Restabfalls von 90 % auf 40 % gesunken, der Rest verteilt sich auf die gut sortierten Abfallarten wie Plastik und Tetrapacks. Glas und Metall, Lebensmittelabfälle und Papier und Pappe.

(Grafik: BOFA – www. bofa.dk)
Die Bornholmer – und die Gäste! – können demnach gut sortieren. Gut gemacht!
Aber richtig glücklich bin ich erst, wenn ich weiß was aus unserem Abfall als Ressource wird.
Ich bleibe am Thema dran, versprochen!
Herzlichst,
Steffi




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