Bornholm will Geschichte schreiben. Diese dänische Insel mit etwa 40.000 Einwohnern in der Ostsee hat sich zum Ziel gesetzt, was kein anderer Ort der Welt bisher gewagt hat: Bis 2032 will Bornholm komplett abfallfrei werden.
Kein Müll mehr in Verbrennungsanlagen, keine Deponien – einfach gar nichts mehr, was weggeworfen wird.
Klingt utopisch? Finde ich auch! Aber nach meiner ersten Recherche bin ich sehr zuversichtlich, was auf meiner Lieblingsinsel passiert. Und das Beste: Als Bürger und Tourist sind wir mittendrin in dieser faszinierenden Transformation.
Warum macht Bornholm das?
Die Geschichte ist eigentlich ganz pragmatisch: 2032 ist die einzige Müllverbrennungsanlage der Insel am Ende ihrer Lebensdauer. Das hat das Regionalparlament einstimmig beschlossen. Anstatt Millionen in eine neue Anlage zu stecken, dachten sich die Bornholmer: „Warum nicht einfach ganz ohne auskommen?“
Mutig und ambitiös! Aber die Zahlen zeigen: Derzeit werden auf Bornholm jährlich etwa 75.000 Tonnen Abfall behandelt, von denen 7 % deponiert, 28 % verbrannt und 65 % dem Recycling zugeführt werden. Das ist keine schlechte Ausgangslage.
Man strebt eine Kreislaufabfallwirtschaft an, es geht um: vermeiden, recyceln und wiederverwerten! Organische Abfälle sollen komplett kompostiert und als Biogas in Energie umgewandelt, Rückstände als Dünger verwendet werden. Ausrangierte Gegenstände wie Möbel oder Kinderbekleidung sollen durch Tauschbörsen in eine Kreislaufwirtschaft gelangen. Und genau das klappt jetzt schon hervorragend. Auf Facebook gibt es ein großes Angebot von Gebraucht- und Umsonst-Börsen, die wirklich sehr rege genutzt werden. Und es gibt eine Vielzahl von Secondhand-Läden auf der Insel (Genbrug-Läden), die wirklich florieren.
Ich persönlich schaue ganz automatisch erstmal, ob es den Gegenstand, den ich brauche, irgendwo gebraucht gibt (oder sogar umsonst), bevor ich diesen neu kaufe. Und so machen es viele Insulaner. Eine Facebook-Gruppe heißt zum Beispiel „Sidste stop før BOFA“ (letzter Stop vor der BOFA), wo Leute das inserieren, was man bei ihnen abholen kann, bevor sie es auf der Müllstation BOFA abgeben. Da gibt es immer mega gute Schnäppchen und fast jeder Bornholmer kennt diese Gruppe.
Was bedeutet das neue Bornholmer Abfallsystem für deinen Urlaub?
Du fragst dich bestimmt: „Muss ich jetzt im Urlaub auf Bornholm kompliziert Müll trennen?“ Die Antwort: Ja, aber das können wir Deutschen ja richtig gut! Eigentlich ist es so, dass die deutschen Touristen in der Vergangenheit immer bemängelt hatten, dass auf der Urlaubsinsel eben nicht genug Müll getrennt wurde. Alles wurde in den Restmüll geworfen, nur Pappe und Glas extra sortiert und in Container beim nächsten Supermarkt geworfen.
Jetzt gibt es seit Oktober 2024 zehn verschiedene Kategorien, die getrennt werden. Das besonders Herausfordernde dabei: Die Ferienhäuser haben keine Müllbehälter mehr direkt vor dem Haus, sondern jeder Urlauber muss den Müll selbst zur nächsten Müllinsel fahren – das sind Stationen mit großen Trenn-Müllcontainern, die überall in den Sommerhausgebieten platziert wurden.


Foto: BOFA
Ja, du liest richtig. Jeder Urlauber bringt jetzt selbst seinen Müll weg. Wie es oben im Bild schön eingezeichnet ist: Zu Fuss, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto. Das ist erstmal befremdlich! Denn für die Häuser, die ganzjährig bewohnt werden, stehen vier verschiedene Behälter vor der Tür mit der Möglichkeit, Pappe/Papier, Glas/Metall, Plastik/Tetrapacks, Essensabfälle und Restmüll zu trennen.

Foto: BOFA (facebook)

Foto: BOFA
An den großen Müllinseln befinden sich auch alle diese Kategorien und darüber hinaus auch Container für Textilmüll und Batterien.

Foto. BOFA
Als dieses neue Abfallsystem eingeführt wurde, dachte ich nur: „Oh je, das wird ein Chaos. Wie sollen die Urlauber damit umgehen und bekommen sie genug Informationen, um diese Mülltrennung UND eigene Entsorgung an den Müllinseln auch hinzubekommen?“
Und wie klappt es mit den Insulanern? Immerhin war hier keiner an eine Mülltrennung gewöhnt und es fehlt Wissen und Bewusstsein über den Sinn und Zweck dieses Vorhabens.
Nun ist es bald ein Jahr her, dass diese neue Müllverordnung in Kraft getreten ist, und es wird Zeit für mich, mal Antworten auf all diese Fragen zu bekommen. Denn das Ziel ist groß, das Vorhaben löblich und genial, doch wie sieht es in der Praxis aus?
Brian Johansen von dem lokalen Abfallunternehmen BOFA antwortete in der Presse auf die Frage, ob das alles wirklich klappt: „Wir wissen noch nicht völlig genau, wie es gehen wird, aber wir haben eine Vision und gesetzte Deadlines. Wir experimentieren in vielen Projekten.“
Das finde ich ja auch sympathisch. Keine großspurigen Versprechen, sondern einfach mal anfangen und schauen, was passiert. Das ist irgendwie typisch dänisch, finde ich.
Daher treffe ich mich in der nächsten Woche mal mit Brian, der seit letztem Jahr als „der Mann des Abfalls“ inselweit bekannt ist, denn es ist seine Aufgabe, den Bornholmern die Mülltrennung „beizubringen“… Ich bin gespannt, was er mir erzählt. Außerdem werde ich mich mit Müllmännern unterhalten (vielleicht auch Müllfrauen?!), darunter der Deutsche Ingo, der auf Facebook seine Erlebnisse beim Abholen der Müllbehälter teilt.
Die Herausforderungen sind groß. Denn immerhin gibt es ja auch noch die Unternehmen, Handelsketten und Produzenten, die ebenfalls alle mitmachen müssen bei der Müll-Reduktion und Abfallsortierung. Ich finde das sehr spannend, denn es erinnert mich an die Gespräche und Treffen, die ich vor ein paar Jahren in Bezug auf mein Projekt „Bye Bye Plastik“ auf der Insel hatte. Und wie wir uns eingesetzt haben für eine Plastikreduktion auf dem jährlichen Folkemøde.
Und ich habe jetzt große Lust, mein Engagement und Wissen einzubringen, um die Vision Bornholms, die erste abfallfreie Insel zu werden, Wirklichkeit werden zu lassen.
Falls du in diesem Jahr schon auf Bornholm warst und das neue Müllsystem erlebt hast, schreibe mir (steffischroeter@hotmail.com) und erzähl mir gerne davon! Ich sammle eure Erfahrungen und teile sie demnächst hier auf meinem Blog!
Und hier mal eine kleine erste Umfrage, was als Info und an Behältnissen in Eurem Ferienhaus vorhanden war:
DANKE!
Herzlichst! Steffi




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