Von Arbeitskräften, der Energieinsel und dem Auswandern nach Bornholm…

Bornholm, 07.11.2024
Als ich im Oktober mit meinem Mann Udo auf Lesetour in Deutschland war, bekam ich einen Anruf von einer Redakteurin des lokalen Radios. Sie recherchierte zu dem Thema „Zuwanderung“ aus Deutschland, denn es ziehen immer mehr Deutsche nach Dänemark und auch nach Bornholm. Leider konnte ich das Interview mit ihr zeitlich nicht führen, denn sie wollte mehr über meine Erfahrungen hören. Aber ich wurde neugierig, dem Thema selbst mal nachzugehen…
Als wir 2006 hierher kamen, hieß es, dass damals ca. 330 Deutsche aus Bornholm lebten, heute sollen es über 500 sein. 

Viele träumen davon, auf Bornholm zu leben. Das Meer, die Ruhe, die Klippen und die traumhafte Natur locken… Und seit Corona und mit dem zunehmenden Schulstress in Deutschland zieht es immer mehr Deutsche und auch Familien auf die Insel. Alle haben dabei viele Fragen: Kann man hier etwas mieten? Können Deutsche sofort ein Haus kaufen? Gibt es Jobs und wenn ja, welche? Wie sieht es mit der Krankenversicherung und der Rente aus? Ist es schwer oder leicht, Anschluss zu finden? Wie ist das Schulsystem und gibt es weiterführende Schulen? Wie ist es auf der Insel im Winter?

Die Liste der Fragen ist lang… Auch mich erreichen regelmäßig Anfragen, oftmals als eine Art Fragenkatalog, den ich bitte beantworten soll. Sorry, aber das kann ich nicht, da ich weder vom Tourismusbüro noch von der Kommune dafür bezahlt werde und das nicht einfach so als „Hobby“ nebenbei machen kann. Was ich aber tun kann, ist darüber zu schreiben und alle Auswanderungswilligen an den offiziellen „Tilflytterkonsulent“ (Zuzugsberater) auf Bornholm weiterzuleiten. Er heißt Rune Holm, lebt in Svaneke und ist seit 25 Jahren auf Bornholm zu Hause. Früher hat er für das lokale Fernsehen gearbeitet, seit fast 9 Jahren hilft er Menschen, auf die Insel zu ziehen – egal ob aus Dänemark, Deutschland oder dem Rest der Welt. 4000 Menschen sind über Runes Schreibtisch gegangen, und viele davon hat er persönlich getroffen und beraten.

Das Programm wurde im Februar 2016 als private und öffentliche Zusammenarbeit im Business Centre Bornholm ins Leben gerufen, ursprünglich auf zwei Jahre begrenzt. Es wurde dann immer wieder verlängert. Heute sind 72 Unternehmen Mitglied beim Tilflytterservice, und gemeinsam mit der Gemeinde Bornholm wurde ein gutes „Betriebsmodell“ für das Programm gefunden. Der Tilflytterservice hat derzeit rund 900 potenzielle Neuankömmlinge in seiner Datenbank und arbeitet aktiv mit ihnen zusammen, um die richtigen Möglichkeiten für einen Umzug nach Bornholm zu finden. Im Laufe der Jahre schwankte die Zahl der Neuankömmlinge, die den Rat des Tilflytterservice in Anspruch nahmen, zwischen 278 und 558 Personen pro Jahr. Besonders in den Corona-Jahren entschieden sich viele mit Hilfe des Tilflytterservice für den Umzug nach Bornholm.

Im Sommer gab Rune ein Interview, und irgendwie hatte sich dann die Zahl von 12.000 gesuchten Arbeitskräften in den deutschen Medien verirrt. Es stand sogar in der Bildzeitung! Hintergrund ist das Projekt „Energieinsel Bornholm“, eine deutsch-dänische Kooperation mit der Zielsetzung, einen Windräderpark ca. 15 bis 20 km südwestlich von Bornholm im Meer zu errichten. Dieser Windpark soll grüne Energie produzieren, die dann per Seekabel nach Mecklenburg-Vorpommern in den Ort Lubmin weitergeleitet werden soll. Mit dieser Energie sollen ab 2030 rund 3 Millionen deutsche Haushalte versorgt werden. Außerdem sind eine Wasserstofffabrik und eine Pipeline geplant, die den Wasserstoff nach Lubmin transportieren soll – ein Milliardenprojekt, das Arbeitskräfte braucht.

Windmühlen in der Ostsee bei Bornholm

Doch wer Bornholm kennt, sowohl die Einwohnerzahl als auch die Infrastruktur, wusste, dass diese utopische Zahl nicht stimmen kann. Trotzdem setzte sich diese Zahl in den Köpfen fest, und es ist Zeit, das richtigzustellen: „Auf der Insel Bornholm werden rund 300 Arbeitskräfte für dieses Projekt gesucht, über den gesamten Zeitraum. Darüber hinaus werden Arbeiter aus anderen Ländern, wahrscheinlich Italien oder Polen, angeheuert, die offshore die Teile zusammenbauen und installieren. Das werden keine dauerhaften Insel-Arbeitsplätze“, berichtigt Rune Holm die berüchtigte Zahl. Das hört sich schon realistischer an. Im Netz finde ich eine Zahl von „900“, die laut einem Gutachten gebraucht werden. Nichts Genaues weiß man… 😉

Was diese falsche und allzu hohe Zahl aber ausgelöst hat, ist, dass jetzt richtig viele hellhörig geworden sind und so mancher Traum vom Leben und Arbeiten auf einer dänischen Insel entfacht wurde. „Die Dämonen reisen immer mit“, grinst Rune, als wir uns zum Interview im Svaneke Bryghus treffen. Ich mag es einfach, wie unkompliziert man sich hier trifft. Rune schreibt mir vorher per SMS, dass er einen Wasserschaden in seinem Haus hat und daher Homeoffice in Svaneke macht – ob wir uns nicht in der Bodega statt in seinem Büro treffen können. Alles ist immer so locker, auf Augenhöhe und ohne viel „Fassade“ oder Wichtigtuerei. Ich liebe das immer noch, nach 18 Jahren auf dieser Insel und in diesem Land.

Ein Treffen mit Rune Holm in der Bodega in Svanele auf Bornholm

Doch zurück zu seinem Zitat: Er erzählt von den vielen Treffen mit auswanderinteressierten Ausländern, die eher Angst haben, als dass sie Lust verspüren, etwas Neues zu wagen. Sie wollen sich absichern, bloß nichts riskieren und natürlich nur die „Rosinen“ im Kuchen mitnehmen – möglichst wenig soll anders als zu Hause laufen. Daher meint er eben, dass man sich selbst immer mitnimmt, egal wohin man geht. Das ist übrigens auch meine Erfahrung.

Rune Holm möchte den potentiellen Neu-Bornholmern natürlich gerne helfen, allerdings will er auch sehen und fühlen, dass sie es ernst meinen und nicht nur mit ner Menge an Fragen seine Zeit in Anspruch nehmen. „Ich merke es recht schnell, wenn zum Beispiel nur ein Ausweg gesucht wird, damit man das deutsche Schulsystem umgehen kann, oder wenn jemand einfach gerne eine Immobilie auf der Insel kaufen möchte. Dann geht es um etwas anderes, als wirklich Bornholm als neue Heimat zu wählen – mit all der Integrationsarbeit, die dazugehört“, erzählt er aus seinen Erfahrungen. „Wir haben eine ganz eigene Kultur, und das wird oft unterschätzt, wenn man aus Deutschland kommt.“ Ja, auswandern ist auswandern, auch wenn Deutschland und Dänemark so nah sind und so „verwandt“ daherkommen.
Und er betont“: „Die Sprache ist alles. Wenn jemand noch kein Dänisch kann, kann ich wenig für sie oder ihn tun. Für medizinisches Personal wird auch ein Sprachtest auf Niveau 3 mit einer Mindestnote „7“ (die „alte“ 3 in Deutschland) gefordert. Es gibt aber auch die Möglichkeit eines Crashkurses zB. für Ärzte, aber das besprechen wir dann“, so Rune.

Der „Tilflytterkonsulent“ skizziert mir beim Kaffeetrinken, in welchen Schritten das vor sich gehen kann:
1. Den Tilflytterservice per Mail oder Telefon kontaktieren und den eigenen „Fall“ schildern
Runes Handy: 0045 – 3121 8880 oder Mail:  rh@bornholm.biz
Mails kannst du gerne auf deutsch senden, KI macht das „barrierefreie“ Kommunizieren möglich 😉
2. Auf eine Mail bekommst du laut Rune innerhalb von 2 Tagen eine Antwort
3. Dann kommst du – je nach Euren Absprachen und deinem Interesse – ins „Tilflyttersystem“ und bei Jobsuche wird ein Profil für dich angelegt.
4. Dein zugesendeter Lebenslauf (von dir vorher übersetzt ins Dänische) wird im System hinterlegt.
5. Dann kann es zu einem Treffen kommen, entweder reist du extra an oder Ihr trefft Euch in deinem nächsten Urlaub. Alternativ kann es natürlich auch einen Videocall geben.
6. Dann bekommst du automatisch Jobangebote zugesendet.
7. Die Voraussetzung für eine Aufenthaltsgenehmigung ist entweder ein Arbeitsvertrag oder bei Selbständigkeit der Nachweis einer Summe auf dem Konto (10.000 Euro pro Erwachsenen) (und m.M. nach auch die Registrierung der Firma in Dänemark). Aber zu den Details gibt dir Rune Auskunft.
8. Dann kommst du in den SIRI Prozess (Styrelsen for international rekrutering og imigration), der über deine Aufenthaltsgenehmigung entscheidet.
9. Wenn das gut läuft, bekommst du deine Personennmmer (CPR-Nmmer) zugeteilt, mit der du im Bürgeramt deine digitale „MitID“ bekommst. Beides brauchst du für ALLES, wie Mietvertrag, Hauskauf, Kontoeröffnung etc. Alles läuft hier digital und daher ist man ohne die „mitID“ aufgeschmissen.

Bornholm ist attraktiv, doch leider ist der Miet-Wohnraum für die Nachfrage nicht ausreichend, es fehlen einfach Mietwohnungen oder-Häuser. Denn nicht jeder kann und will gleich kaufen ;-). Apropos: Immer noch treiben sich die dollsten Geschichten rund um den Hauskauf im Netz herum. Dabei ist es so einfach: Deutsche können nur ein Haus kaufen, wenn sie sich komplett hier melden (und hier die Steuern zahlen), also eine Aufenthaltgenehmigung haben. Sommerhäuser können erst nach 5 Jahren im Land gekauft werden. Es gibt Ausnahmegenehmigungen (Dispensation), die an Menschen vergeben werden, die nachweisen können, dass sie über einen extrem langen Zeitraum regelmässig in Dänemark waren, hier Freunde und Netzwerk und eine besondere Beziehung haben. Ein wahnsinniger Auswand, Dänemark kann ach sehr bürokratisch sein ;-). Ich habe bis jetzt nur Absagen aus meinem Umkreis erlebt, da diese Genehmigungen früher recht freimütig vergeben wurden und jetzt ist das drastisch eingedämmt worden 😉

Aber 2023 gab es insgesamt 251 Neu-Bornholmer, davon 58 aus dem Ausland, ca. 40 Deutsche darunter.

Die Herausforderungen, denen sich die „Tilflytter“ gegenüber sehen, sind hier mal in einer Umfrage zusammengefasst:

Eine Grafik über die Neu-Bornholmer

Dänisch steht da oben auf der Liste. Allerdings gibt es das Angebot, kostenlos die Sprachschule zu besuchen, es muss nur ein Depositum über 2000 kr hinterlegt werden, bis man die Kurse abschließt.

So, vielleicht klärt das ein bisschen die Lage 🙂

Ich finde gerade einen Blogartikel zum Thema Auswandern , den ich mal vor 9 Jahren hier veröffentlich habe, lustig, das mal wieder zu lesen. Nach 18 Jahren sind wir immer noch glücklich und ich bin wahnsinnig froh, dass meine zwei Söhne und ich seit 2018 auch die dänische Staatsbürgerschaft haben.
Alles richtig gemacht! Bornholm my love eben ♥️

Herzlichst! Steffi

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